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Es gibt keine Einigkeit über das, was Legasthenie eigentlich ist, ebenso wenig wie über ihre Ursachen und die Möglichkeit ihrer Überwindung. Eine Vorstellung davon liegt aber jedem legasthenietherapeutischen Konzept zugrunde. Es liegt daher nahe, das spezifische Legasthenieverständnis, auf dem die Davismethode beruht, im Vergleich mit anderen Vorstellungen zu erläutern.

Gängige Vorstellungen

Schon der Begriff Legasthenie selbst ist sehr umstritten. Meistens wird er heute ersetzt durch den der Lese-Rechtschreibschwäche, kurz LRS. Aber verschwun-den ist er nicht. Vor allem sind es Ärzte, die den Begriff Legasthenie noch verwenden. Sie verstehen darunter oft eine angeborene und nicht heilbare lebenslange Behinderung, deren Folgen allenfalls gelindert werden können. Sie liegen damit auf einer Linie mit der WHO (Weltgesundheitsorganisation), die unter Legasthenie die Unfähigkeit versteht, Lesen und Schreiben zu lernen.

Auf der anderen Seite sind es vor allem die Forschung (zum Erwerb der
Schriftsprache), die Schule und die Mehrzahl der Lerntherapeuten (eben nicht
Legasthenietherapeuten), die von LRS sprechen, da sie den Begriff Legasthenie angesichts zahlloser ganz unterschiedlicher Ursachen und Erscheinungsformen für nicht hilfreich halten. Dabei übersetzen die einen LRS mit LR-Schwierigkeit, weil es sich meist nur um eine korrigierbare Lernverzögerung handele, deren Ursachen vor allem in Unzulänglichkeiten von Methodik und Lernumfeld (Schule, Familie) lägen und die unter optimalen Bedingungen gar nicht erst entstehen würde. Die anderen ziehen den Begriff LR-Störung vor, da sie als Ursache Funktions-störungen u.a. im senso- und psychomotorischen oder im Wahrnehmungsbereich (u.a. der zentralen Hörverarbeitung) annehmen. Diese versuchen sie in oft sehr umfangreichen Testreihen herauszufinden und dann zu therapieren, bevor man mit den eigentlichen LR-Übungen beginnt.

Zum Legasthenieverständnis der Davismethode

Die Davismethode hält dagegen an der Bezeichnung "Legasthenie" fest und
erhebt zugleich den Anspruch, legasthene Lernstörungen vollständig beheben
zu können. Dabei versteht sie Legasthenie als Oberbegriff, dem nicht nur die
LRS sondern auch Lernstörungen wie die Schreib-, Rechen- und Aufmerksam-keitsschwäche zugeordnet werden können, weil sie z.T. gemeinsame legasthenische Ursachen haben. So sind sie einesteils entwicklungsbedingt, können sie die Folge oben schon erwähnter Ursachen sein, sind sie andernteils aber oft veranlagungsbedingt und gehen sie auf dieselben Anlagen zurück.

Legasthenie, da gibt es keinen Widerspruch, ist unabhängig vom Grad der Intelligenz, und es war ein großes, bisher ungelöstes Rätsel, dass auch Hoch-begabte davon betroffen sein können, weshalb man oft von Teilleistungsstörung spricht. Manche vermuten auch einen Zusammenhang, aber erst Ronald Davis hat eine plausible Erklärung gefunden und eine verblüffend einfache Lösug entwickelt.

Es ist das große Verdienst von Ronald Davis, dass er zwar (wie vor allem Ärzte)
von angeborenen, oft ererbten Veranlagungen ausgeht, diese aber nicht als
Behinderungen, Defizite oder Defekte sondern als Fähigkeiten, Begabungen und
Talente versteht, die in allen Lebensbereichen von großem Vorteil sind außer
im Umgang mit Symbolen, besonders mit Schriftzeichen. Und es ist das simple
Geheimnis des Erfolges der Davismethode, dass sie diese Talente nutzt, um
die Schwierigkeiten zu beheben, denn was die Probleme verursacht, liefert
zugleich den Schlüssel zu ihrer Lösung. Damit ist die Davismethode, anders
als allgemein üblich, nicht defizit- sondern ressourceorientiert. Das eröffnet dem Legastheniker auch eine besondere Chance, sein oft sehr geschwächtes Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein ganz neu aufzubauen, indem er die Erfahrung macht: "Ich bin nicht dumm, ich denke und lerne nur anders."

Von den Talenten der Legastheniker und wie man sie nutzen muss

Kein Legastheniker ist wie ein zweiter und Art und Umfang sowohl der legasthenischen Begabungen wie der Lernstörungen unterscheiden sich
individuell, aber alle Legastheniker zeichnen mehr oder minder solche
Eigenschaften wie Neugier, Wissbegier, Experimentierlust, Fantasie und
Intuition aus. Vor allem ist es aber die besondere Art zu denken, zu lernen
und Sinneseindrücke zu verarbeiten.

Legastheniker nutzen andere Denk- und Lernpfade als Nichtlegastheniker. Sie denken weniger verbal, also im inneren Monolog, als bildhaft, visuell/räumlich. Während verbales Denken linear, der Reihe nach abläuft und dabei nicht schneller ist, als jemand sprechen kann, ist nonverbales, bildhaftes Denken holistisch (dreidimensional) und um ein Vielfaches schneller, und genauso verläuft der Lernprozess. Kein Wunder also, dass es beim Lesen- und Schreibenlernen zu Problemen kommen kann, da Schriftsymbole weder bildhaft noch dreidimensional sind. Nicht der legasthenische Schüler ist zu dumm, die Schriftsprache zu erlernen, sondern die Methode, die Buchstaben und "bildlose" Wörter nicht sinnlich, dreidimensional und bildhaft erfahrbar macht.

Eine weitere wesentliche Fähigkeit ist das Wahrnehmungstalent von Legasthe-nikern. Wenn sie Sinneseindrücke nicht klar identifizieren können und wenn sie das verwirrt, neigen sie eher als andere Menschen dazu (niedrigere Verwirrungs-schwelle), ihre Fantasie einzusetzen, mit der Wahrnehmung zu spielen, sie zu verändern, um so Erkenntnisse zu gewinnen und die Verwirrung aufzulösen. (Der 16-jährige Legastheniker Albert Einstein beispiels-weise machte nichts anderes, als er die Relativität von Raum und Zeit erkannte, indem er von einem Ritt auf einem Lichtstrahl durch den Kosmos tagträumte und später die entsprechen-de physikalische Formel entwickelte.) Machen Legastheniker das aber z.B. beim Lesen, kommt es zu den typischen legasthenen Fehlern, etwa dem Vertauschen von Buchstaben, dem Austausch von Wörtern (besonders der Funktionswörter) oder dem "Raten". Wieder ist es die Methode, die dem Legastheniker zeigen muss, wie er seine Wahrnehmung so kontrollieren und korrrigieren kann, dass er nur liest, was die Augen wirklich sehen. Die Davismethode hält dafür das "Orientierungs-" oder das "Ausrichtungs"verfahren bereit, das der Legastheniker gleich am Anfang einer Beratungswoche kennenlernt.

 
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